
BERNSTEIN
Wahb. Lebensgeschichte eines Grizzlybären
Die Lebensgeschichte eines Grizzlybären von der Jugend bis zum Alter — ungeschönt und ohne Vermenschlichung erzählt.
Zur Ausgabe
BERNSTEIN · AETERNUS
Acht Tiergeschichten aus der nordamerikanischen Wildnis
Acht Tiergeschichten aus der nordamerikanischen Wildnis — vom Wolfskönig Lobo bis zur Krähe Silverspot. Neu übersetzt und eingerichtet.
Über das Buch
Vom Wolfskönig Lobo bis zur Krähe Silverspot: Setons berühmtester Band verbindet genaue Naturbeobachtung mit dramatischer Erzählkunst.
Der Leseraum
Ernest Thompson Seton
Wilde Tiere, die ich kannte
Currumpaw ist eine weite Viehweide im nördlichen New Mexico. Es ist ein Land üppiger Triften und wimmelnder Herden, ein Land sanft gewellter Tafelberge und kostbarer Wasserläufe, die sich schließlich zum Currumpaw River vereinen, nach dem die ganze Gegend ihren Namen trägt. Und der König, dessen despotische Macht über die gesamte Ausdehnung dieses Landes lastete, war ein alter grauer Wolf.
Der alte Lobo, oder der König, wie die Mexikaner ihn nannten, war der gewaltige Anführer eines bemerkenswerten Rudels grauer Wölfe, das das Currumpaw-Tal über etliche Jahre hinweg verheert hatte. Alle Schäfer und Rancher kannten ihn nur zu gut. Wo immer er mit seiner getreuen Schar erschien, herrschte unter dem Vieh blanker Schrecken, und unter dessen Besitzern Zorn und Verzweiflung. Der alte Lobo war ein Riese unter den Wölfen, und seine List und Stärke standen seiner Größe in nichts nach. Seine Stimme bei Nacht war wohlbekannt und leicht von der jedes seiner Gefährten zu unterscheiden. Ein gewöhnlicher Wolf mochte die halbe Nacht hindurch um das Biwak des Hirten heulen, ohne mehr als flüchtige Beachtung zu finden. Doch wenn das tiefe Brüllen des alten Königs durch die Schlucht herabdröhnte, fuhr der Wächter auf und schickte sich an, am Morgen zu erfahren, dass frische und schwere Einbrüche unter den Herden geschehen waren.
Lobos Rudel war nur klein. Dies habe ich nie ganz begriffen, denn gewöhnlich zieht ein Wolf, der zu solcher Stellung und Macht aufsteigt, wie er sie besaß, eine zahlreiche Gefolgschaft an sich. Vielleicht hatte er so viele, wie er begehrte, oder vielleicht hinderte sein wildes Gemüt das Anwachsen seines Rudels. Gewiss ist, dass Lobo im letzten Teil seiner Herrschaft nur fünf Gefährten hatte. Doch jeder von ihnen war ein Wolf von Ruf, die meisten überragten das gewöhnliche Maß, und einer im Besonderen, der Zweite im Befehl, war ein wahrhaftiger Riese – doch selbst er stand dem Anführer an Größe und Tüchtigkeit weit nach. Mehrere der Schar, außer den beiden Anführern, waren überdies bekannt. Einer davon war ein schöner weißer Wolf, den die Mexikaner Blanca nannten; man hielt ihn für eine Fähe, womöglich Lobos Gefährtin. Ein anderer war ein gelber Wolf von bemerkenswerter Schnelligkeit, der, den umlaufenden Erzählungen zufolge, bei mehreren Gelegenheiten für das Rudel eine Antilope erbeutet hatte.
Man sieht also, dass diese Wölfe den Cowboys und Schäfern bis ins Letzte bekannt waren. Sie wurden häufig gesehen und noch öfter gehört, und ihr Leben war aufs Engste mit dem der Viehzüchter verflochten, die sie so gerne vernichtet hätten. Es gab keinen Viehhalter am Currumpaw, der nicht bereitwillig den Wert vieler Ochsen für den Skalp auch nur eines einzigen aus Lobos Schar gegeben hätte. Doch sie schienen ein gefeites Leben zu besitzen und trotzten jeder erdenklichen List, die ihnen den Tod bringen sollte. Sie verachteten alle Jäger, verlachten alle Gifte und fuhren wenigstens fünf Jahre lang fort, ihren Tribut von den Ranchern des Currumpaw einzufordern – nach dem Urteil vieler im Umfang einer Kuh an jedem Tag. Nach dieser Schätzung also hatte die Schar mehr als zweitausend der edelsten Tiere gerissen, denn, wie nur zu gut bekannt war, wählten sie in jedem Fall die besten aus.
Aus dem Beginn der Erzählung „Lobo“. Auszug aus der deutschen AETERNUS-Ausgabe.
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